blog 0056 - plötzlich tief im wald

16.10.2014 07:10

ein märchen.

ein kleiner fisch war es gewesen, ein fischchen,
so lang wie ein halber finger,
und er hatte silberne schuppen und flossen gehabt,
so zart wie spitzen, und durchsichtige, zitternde kiemen.

ein rundes, weit offenes fischauge hatte maja und matti
einen moment lang angestarrt, als wollte es ihnen bedeuten,
dass wir alle, alle lebewesen auf diesem erdball,
menschen und vieh, vögel und kriechtiere und fische,
wir alle, verwandt miteinander sind,
trotz unserer ganzen verschiedenartigkeit:
haben wir nicht alle augen,
um formen und bewegungen und farben zu sehen,
und hören wir nicht alle geräusche
und den widerhall von geräuschen,
oder fühlen wir nicht alle zumindest unterschiede
zwischen licht und dunkelheit über unsere haut,
und nehmen wir nicht alle über unsere sinne
geruch, geschmack, berührungen wahr?

und ausserdem erschrecken wir alle manchmal,
geraten sogar in panik,
und manchmal sind wir alle müde oder hungrig,
und jeder von uns hat dinge,
die ihn anziehen, und andere, die ihn abstossen
oder widerwillen in ihm wachrufen.
ausserdem sind wir alle, ohne ausnahme, sehr verletzlich.

und wir alle, mensehen, kriechtiere, insekten und fische,
wir alle schlafen, sind wach, schlafen wieder und sind wieder wach,
wir alle streben danach, dass es uns gut geht,
dass es uns nicht zu warm und nicht zu kalt ist.

wir alle, ohne ausnahme, versuchen fast immer,
uns zu schützen und uns vor allem zu hüten,
was schneidet, beisst und sticht.

denn schliesslich können wir alle sehr leicht zerdrückt werden.

und wir alle, vogel und wurm, katze und kind und wolf,
wir alle versuchen fast immer, uns, soweit es geht,
vor schmerzen und gefahren zu schützen,
und dennoch bringen wir alle uns immer wieder in gefahr,
jedes mal, wenn wir uns aufmachen,
um nach nahrung zu suchen, um zu spielen,
wenn wir abenteuer wollen, aufregung, macht und vergnügen.

somit, sagte maja, nachdem sie diesen gedanken eine weile verfolgt hatte,
somit könnte man vielleicht sagen, dass wir alle, ohne ausnahme,
in einem boot sitzen: nicht nur alle kinder,
nicht nur alle menschen im dorf,
nicht nur alle menschen auf der ganzen welt,
sondern alle lebewesen. wir alle.

und ich frage mich, ob die pflanzen
nicht vielleicht auch verwandte von uns sind,
weit entfernte verwandte.

und der, der andere mitreisende verspottet oder sie quält,
sagte mati, ist eigentlich der dumme,
der dem ganzen boot schadet.

denn es gibt für keinen ein anderes boot.

(amos oz, *1939)

de.wikipedia.org/wiki/Amos_Oz

das kleine werk „plötzlich tief im wald“ handelt von einem bergdorf,
aus dem vor langer zeit über nacht sämtliche tiere,
vom holzwurm bis zum ackergaul, verschwunden sind.
einige besonders tierliebe bewohner kostete das den verstand.
und immer wieder einmal geht einer von ihnen die tiere im wald suchen
und kehrt dann etwa wiehernd wie ein fohlen zurück.
als erklärung tischen die eltern ihren kindern
nur rätselhafte geschichten auf,
die sie keinesfalls für wahr halten sollen.

im übrigen redet man tunlichst nicht
über die merkwürdige unbelebtheit im dorf
und die unbestimmbaren ängste seiner bewohner.

zwei aufgeweckte kinder, maja und mati,
lassen sich allerdings von der geheimniskrämerei nicht abschrecken.
sie entdecken einen einsiedler,
der sich einst an seinen mitmenschen aus verbitterung
über deren grausame spottlust
zusammen mit den tieren rächte.

doch die schlaue maja
lässt diesen mann mit seiner egoistischen,
allzu einfachen lösung nicht davonkommen.

das märchen des friedensaktivisten amos oz ist auch eine parabel.

quelle: www.lyrikwelt.de/rezensionen/ploetzlichtiefimwald-r.htm

oktober 2014: der erste siegfried-lenz-preis
geht an den
israelischen schriftsteller amos oz:

es ist auch eine politische geste im hitzig diskutierten konflikt
zwischen der terrororganisation hamas und israel:
der in diesem jahr erstmals verliehene siegfried-lenz-preis
geht an amos oz.

der israelische autor, 1939 in jerusalem geboren,
gilt als einer der profiliertesten hebräischen schriftsteller.
auch in deutschland hat er eine grosse lesergemeinde.

von der kritik wird er gerühmt für seine sprachmacht,
stilbildend ist sein vermögen, zeit- und gesellschaftsgeschichte
mit individuellen schicksalen zu verbinden.
seine romane spielen in israel, zuletzt erschienen der erzählband
„unter freunden“ und „juden und worte“,
ein buch über die jüdische geschichte,
das oz gemeinsam mit seiner tochter fania oz-salzberger geschrieben hat.

übergeben wird der siegfried-lenz-preis im november 2014 in hamburg.
bisher waren nur der büchner-preis, in seiner kategorie der wichtigste
im deutschsprachigen raum, und der joseph-breitbach-preis so üppig ausgestattet.

der preis wird künftig alle zwei jahre
von der kürzlich gegründeten siegfried-lenz-stiftung vergeben.
mit der auszeichnung sollen laut mitteilung von hoffmann und campe,
dem stammverlag des preis-namensgebers,
„internationale schriftstellerinnen und schriftsteller ausgezeichnet werden,
die mit ihrem erzählerischen werk anerkennung erlangt haben
und deren schöpferisches wirken dem geist von siegfried lenz nah ist“.

der 1926 geborene siegfried lenz („deutschstunde“)
zählt wie günter grass, heinrich böll, uwe johnson und martin walser
zu den wichtigsten deutschen autoren der nachkriegszeit.

quelle: www.spiegel.de/kultur/literatur/siegfried-lenz-preis-an-amos-oz-a-980281.html