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blog 0057 - auf der zunge

17.10.2014 07:21

gerechter himmel!
aus wie vielen marterstunden der tiere
lötet der mensch eine einzige festminute
der zunge zusammen.

bei den tieren kann ich damit rechnen,
dass sie umso besser gegen mich sind,
je besser ich gegen sie bin.

bei den menschen nicht,
ja oft umgekehrt.

(jean paul, 1763-1825)

www.br.de/franken/inhalt/frankenkult-ur/2013-jean-paul-franken-100.html

jean pauls werk spiegelt das gesamte
weltanschauliche spektrum seiner zeit wider.

von arno schmidt stammt das zitat,
dass jean paul „einer unserer grossen“ gewesen sei:
„einer von den zwanzig, für die ich mich
mit der ganzen welt prügeln würde“

besonders weibliche leser schätzten seine romane.
dies lag vor allem an der empathie,
mit der jean paul die frauenfiguren
in seinen werken gestalten konnte:
nie zuvor waren in der deutschen literatur
weibliche charaktere mit einer solchen
psychologischen tiefe dargestellt worden.
allerdings finden sich auch nirgends sonst
derart vergnüglich-frauenfeindliche sticheleien
wie bei jean paul:

„die weiber stehen immer gegen die männer
in jenem widerspruch,
worin sie ihnen beim verwehren und verwünschen
des rauchens
den nettesten, zierlichsten
tabaksbeutel sticken und stricken.“

ähnlich vielgestaltig und verwirrend
wie viele seiner romane
muss auch jean pauls charakter gewesen sein:
er war wohl sehr gesellig und geistreich,
gleichzeitig extrem sentimental,
von fast kindlichem gemüt
und schnell zu tränen gerührt.

bei einem so kapriziösen autor
ist es kaum verwunderlich,
dass sein verhältnis zu den
weimarer klassikern goethe und schiller
immer zwiespältig war
(schiller: jean paul sei ihm
„fremd wie einer, der aus dem mond gefallen ist“).
herder und wieland allerdings
haben ihn geschätzt und unterstützt.

er gelangte zu einer weltanschauung ohne illusionen,
verbunden mit humorvoller resignation.