blog 0068 - tiere nicht vergEssen

29.10.2014 07:39

nicht zuletzt tauchte ende des 19. jahrhunderts ein „urevangelium“ auf.

der aramäische text „das evangelium des vollkommenen lebens“,
enthält zahlreiche hinweise auf die tierliebe des jesus von nazareth.

besonders auffallend ist dessen fleischenthaltung:
„ich bin gekommen, die opfer und die blutfeste abzuschaffen,
und wenn ihr nicht aufhören werdet,
fleisch und blut der tiere zu opfern und zu verzehren,
so wird der zorn gottes nicht aufhören, über euch zu kommen ...“.

der urchristliche vegetarismus des aramäischen „urevangeliums“,
so glaubt man unter christlich orientierten tierfreunden,
sei früh vergessen und verdrängt worden.

johannes der täufer habe vegetarisch gelebt,
ebenso etliche der jünger jesu, die sich nur von pflanzen ernährten.

erst aus der perspektive einer evolutiven theologie
steht der mensch wirklich nicht mehr im mittelpunkt des weltgeschehens.
nun muss er zunächst mit dem übrigen belebten kosmos
zusammen gesehen werden.
nun erst ist die einheit des lebendigen wichtiger
als die differenz und die abgrenzung.
und erst aus dieser sicht wird man begründet
von einer geschöpflichen würde auch der tiere
mit allen konsequenzen sprechen können.

so müsste eine grundsätzlich veränderte christliche haltung
zum tier nicht nur von der barmherzigkeit ausgehen.

wenn christliches schöpfungswissen
und evolution zusammen gesehen werden,
rücken sich mensch und tier, pflanze und natur in einer weise nahe,
die bleibenden respekt und ehrfurcht vor allem lebendigen
zur richtschnur des persönlichen und gesellschaftlichen handelns macht.

nach einer bald 2000jährigen geschichte
der entrechtung und entwürdigung des nicht-menschlichen lebens,
die am ende des 20. jahrhunderts zu katastrophalen folgen führt
und heute jedermann vor augen liegt,
muss eine monotheistische religion, insbesondere die christliche,
zu den wurzeln des schöpfungswissens zurückkehren.

das seufzen von millionen rindern,
die 1996 in england und anderswo
eilig getötet werden müssen,
darf nicht zum letzten akt
unseres europäisch-abendländischen dramas
im umgang mit tieren werden.

ohne den alten und neuen respekt vor dem leben
in seiner geschichtlichen komplexität, schönheit und eigenwürde
wird der mensch als kreatur unter kreaturen
keine überlebenschance haben. 

(dr. wolf-rüdiger schmidt, *1939)

autor, redaktionsleiter im zdf bis 2002, sendung kontakte

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