blog 0072 - der lange weg zum tierrecht

02.11.2014 09:22

albert schweitzer, ev. theologe, arzt, musiker,
friedenspreis des deutschen buchhandels,
friedensnobelpreis 1952
:

das aufkommen der bewegung des tierschutzes,
das in meiner jugend stattfand,
machte mir einen grossen eindruck.
endlich wagten es menschen,
in der öffentlichkeit aufzutreten und zu verkündigen,
dass das mitleid mit den tieren
etwas natürliches sei,
das zur wahren menschlichkeit gehöre,
und dass man sich dieser erkenntnis nicht verschliessen dürfe.

bei sonnenuntergang mussten wir an einer insel entlang fahren.
auf einer sandbank wanderten vier nilpferde mit ihren jungen
in derselben richtung wie wir.
da kam ich, in meiner grossen müdigkeit und verzagtheit,
plötzlich auf das wort „ehrfurcht vor dem leben",
das ich, soviel ich weiss, nie gehört und nie gelesen hatte.

alsbald begriff ich, dass es die lösung des problems,
mit dem ich mich abquälte, in sich trug.

es ging mir auf, dass die ethik,
die nur mit unserem verhältnis
zu den anderen menschen zu tun hat,
unvollständig ist
und darum nicht die völlige energie besitzen kann.

die bisherige ethik stand dem problem mensch und tier
entweder verständnislos oder ratlos gegenüber.

auch wenn sie das mitleid mit der kreatur als richtig empfand,
konnte sie es nicht unterbringen,
weil ethik ja eigentlich nur auf das verhalten
des menschen zum menschen eingestellt war.

wie die „person“ [zensur! werner],
die die stube gescheuert hat, sorge trägt,
dass die türe zu ist, damit ja der hund nicht hereinkomme
und das getane werk durch die spuren seiner pfoten entstelle,
also wachen die europäischen denker darüber,
dass ihnen keine tiere in der ethik herumlaufen.

wer mit tieren experimentiert,
sollte sein gewissen niemals dadurch beruhigen,
dass er behauptet, dass diese grausamkeiten
einen lobenswerten zweck hätten.

meine ansicht ist, dass wir,
die wir für die schonung der tiere eintreten,
ganz dem fleischgenuss entsagen
und auch gegen ihn reden.

wenn ein tier leidet,
sind wir alle schuldig.

ich bin leben,
das leben will,
inmitten von leben,
das leben will.

ich gelobe mir,
mich niemals abstumpfen zu lassen
und den vorwurf der sentimentalität
niemals zu fürchten.

(albert schweitzer, 1875-1965)


www.youtube.com/watch?v=Qk796sMk_dQ