blog 0106 - clancy

06.12.2014 08:18

weihnachten war vorbei.
am freitag kehrte wieder routine in der klinik ein,
und wir planten clancy für seine biopsie ein.
ich sass bei ihm im aufwachraum,
und viele seiner bewunderer kamen vorbei,
um ihn zu besuchen.
clancy hatte ein lymphosarkom.

er war kein stoischer patient,
behielt sich seine beschwerden
jedoch für ein publikum vor.
wenn er allein war, döste er.

als ich am abend die klinik verliess,
schlief er in seinem käfig.
um zwei uhr am nächsten morgen
klingelte in meiner wohnung das telefon.
„samantha? hier ist anne.“
sie war nachtschwester.
„ist clancy bei ihnen?
ich habe auf der station nachgesehen,
und ich habe überall auf dem gang nach ihm gerufen.
ich dachte, vielleicht haben sie ihn,
oder sie kennen seine verstecke.“
„aber er ist heute operiert worden“, überlegte ich laut.
„wie kam er bei geschlossener tür aus der station?“
„ich weiss es nicht. das habe ich nie rausgekriegt.
er kann nicht weit gekommen sein. ich bin gleich da

ich lächelte, als ich mir vorstellte,
wie er tief und fest in seinem käfig schlief.
er hatte mich wieder ausgetrickst.

als ich den hügel hinunter zum krankenhaus ging,
versuchte ich einen plan zu skizzieren.
sein lieblingsplatz war der vorratsraum,
doch der war nachts abgeschlossen.
ich hatte immer gedacht,
dies sei sein lieblingsplatz wegen der hysterie,
die er hervorrief, wenn harold,
der für die vorräte verantwortlich war
und angst vor katzen hatte, ihn sah.

ich durchsuchte noch einmal die station und das büro,
rief seinen namen und ging den flur hinunter.
ein entferntes miauen zog mich zum vorratsraum.
während ich weiter seinen namen rief,
wurden seine schreie lauter und drängender.
eine taschenlampe beleuchtete zwei runde augen,
und aus der umgebenden dunkelheit
tauchte eine vertraute form auf.
clancy war das drei meter hohe gitter hochgeklettert
und sass nun auf dem oberen regal
an der wand des vorratsraums und behauptete,
er könne nicht herunter. schliesslich war er krank.

ich rettete meinen kleinen helden,
und er schnurrte, während ich rief und schrie.
an diesem morgen beschwerte sich harold,
dass jemand zwei fünfzig-pfund-säcke
am boden aufgerissen habe.

am 2. januar begann die behandlung.
clancy knurrte und kämpfte gegen seine chemotherapie.
innerhalb einer woche nach der ersten behandlung
wurden seine nieren kleiner und sein appetit grösser.
er war wieder verspielt und neugierig.

manchmal beobachtete ich clancy in einer neuen situation
und war erstaunt über seine anpassungsfähigkeit.
ein fernsehsender filmte für eine nachrichtensendung.
sie kamen nach der sprechstunde.
clancy half dem kamerateam,
sprang auf kisten und untersuchte ihre ausrüstung.
ich schlug vor, ihn zum fernschstar zu machen.
greg meinte, wir könnten so tun,
als behandelten wir clancy.
ich legte den star auf den untersuchungstisch.
lichter, kamera und action,
als greg mit der nadel in der hand nach clancys bein griff.
clancy wusste, dass er am tag zuvor schon behandelt worden war.
er demonstrierte dem filmteam,
was für eine furchtbare erfahrung dies
für ein hilfloses kätzchen war.

wir entschieden uns schliesslich für eine episode,
die zeigte, wie greg clancys herz abhörte.
gregs kopf war gebeugt,
während clancy gerade in die kamera blickte.
clancy, der star, nutzte die einrichtungen
des achten stocks voll aus.
nur mit mühe mochte man glauben,
dass er einst den ganzen tag in seinem käfig geblieben war.

er konnte auf einen besuch bei greg vorbeikommen
oder den flur entlanggehen, um harold zu piesacken.
einmal, als ich hinunterlief, um clancy zu holen,
meinte harold fast anklagend:
„ich dachte, sie sagten, er sei krank.“

ich glaube, dass sich harold auf seine weise um clancy sorgte.
clancy hatte mit seiner hartnäckigkeit
und seinem eigensinn ein weiteres herz erobert.
harold liess ihn in leeren kisten sitzen
und auf die berge klettern,
die mit jeder lieferung auftauchten.
nur wenn clancy ihm im weg war
oder wenn er sich an die säcke mit trockenfuttcr wagte,
forderte harold meine hilfe an.

das neue jahr hatte clancy und mir
einen kompromiss gebracht.
es war ein kompromiss,
doch wir akzeptierten die bedingungen.
so sehr es mir auch gegen den strich ging,
die veränderung hatte sich in meine routine eingeschlichen.

(samantha mooney, 1983)

die autorin samantha mooney,
angestellte des bekannten animal medical center von new york,
berichtet liebevoll über den täglichen kampf ihrer vierbeinigen patienten,
ein kampf, der sich über die klinik hinaus
bis ins häusliche und und in die ferien hinein erstreckt.

über die jahre hinweg hat die autorin viele dauerpatienten begleitet,
wie z.b. den getigerten kater „clancy“, der auf der ganzen station gast war,
die schüchterne katze „fledermaus“ oder den ruhigen kater „oliver cromwell“,
der als freund eine seemöwe hat, die er bei seinem urlaub in maine trifft.

im vordergrund der klinik beim täglichen kampf um die tiere
steht dabei die lebensqualität der tiere.
ziel ist es die lebensqualität der tiere zu erhalten und zu verbessern.

das heisst aber auch im richtigen moment loszulassen.
wie eine schneeflocke in der hand.
alles ist vergänglich.
das schöne bleibt einem aber in erinnerung.