blog 0124 - christliche nächsten... was?

24.12.2014 19:45

der bär und der vogel.

es war einmal ein bär,
der lebte ungefähr eine meile weit weg
von den leuten am fusse des berges in einer höhle.

im sommer ging es ihm gut,
denn er hatte eine bienenzucht
und deswegen beinah immer soviel honig,
wie er nur wollte.
denn honig war seine leibspeise.
auch sammelte er beeren im wald,
fing am fluss forellen, kurzum:
im sommer lebte er dort wie im paradies.

dazu kam, dass die anderen waldtiere
und nicht zuletzt die leute vom dorf
ihn gut leiden konnten,
denn er war friedlich, leutselig,
immer zu einem kleinen spass aufgelegt.
bosheit und hinterlist kannte er nicht,
und wenn ihn selbst einer einmal hänselte,
foppte, ihm gar einen streich spielte,
verzieh er‘s ihm schnell,
denn wenn es dem bären gut geht,
braucht er niemanden zu beissen.

und dann kam der winter.

auch da ging es ihm nicht schlecht.
denn er hatte einen warmen pelzmantel aus bärenfell,
und weil er nicht dumm war,
hatte er im sommer kleine vorräte angelegt.

auch der winter war also
keine schlechte zeit für den bären.
und dann kam so ein winter,
der war kälter als jeder winter zuvor.
der wind hatte ihm den schnee
bis direkt vor sein bett geweht.
die luft war wie kaltes glas,
und im wald war es still, still, ganz still.
als ob es auf der welt keine töne mehr gäbe.
weil sie in der luft erfroren.
weil sie tot in den schnee fielen.
und wenn der bär herauswollte vor seine höhle,
musste er sich durch den schnee graben.

und dann kam die grosse heilige nacht.

und der mond stand oben allein, und weit,
weit weg flimmerten die sterne,
heller als sonst und ganz klar.

dem bären war es so kalt wie nie zuvor,
und er redete mit sich selbst,
das macht manchmal etwas warm.

„ich werde in das dorf gehen.
vielleicht treffe ich einen, den ich kenne,
und er nimmt mich mit nach haus
an den warmen ofen.“

er rieb sich die nase warm
und grub sich aus der höhle.
kalt war es. viel kälter,
als er innen in der höhle gedacht hatte.

„will jemand mit mir ins dorf gehen…hen…“,
rief er in den wald hinaus,
aber das echo kam sofort zurück,
war gar nicht weit gekommen,
war an der kälte zurückgeprallt.

„dort ist heute weihnachten“, rief der bär.
etwas leiser jetzt, „ist da niemand…“

„niemand…“, rief das echo zurück,
und das wort fiel erfroren in den schnee,
keiner hat es gehört.

da stapfte der bär allein los,
im sommer ein weg nicht einmal zu lang für eine maus.
aber jetzt für einen allein gehen doppelt so lang.

und als es immer kälter wurde,
der weg ohne ende war,
fiel der bär nach vorn und
konnte nicht mehr weitergehen.
da kam ein kleiner vogel gehüpft.
setzte sich auf sein ohr.
er kannte den bären vom sommer her.
sie hatten sich manchmal die beeren geteilt,
die der bär gesammelt hatte:

„eine ich und zwei du. eine ich und zwei du…“

„kalt ist“, sagte der vogel. „trag mich ein stück, bär!
kann nicht mehr fliegen wegen der kälte.
und ich sing dir was vor, ja!“

da stand der bär wieder auf,
nahm den federleichten vogel auf die pfote,
hauchte ihn warm,
und der vogel sang ihm ein lied ins ohr.

wie früher, wie im sommer. das wärmt.

der bär ging weich und vorsichtig,
um das lied nicht zu stören.

das war mitten in der nacht,
als sie ins dorf kamen.
die leute waren in der kirche und sangen.
aber der küster liess die beiden nicht hinein.
„bären und vögel haben hier keinen zutritt“, sagte er.
„das ist eine vorschrift,
und ich kann keine ausnahme machen.
geht einfach nicht. alte frauen könnten sich ängstigen.
morgen vielleicht, wenn die kirche leer ist,
oder wenn mehr kinder da sind,
die würden sich vielleicht freuen.
aber heut nicht, heut nicht.“

schlug die tür zu und war weg.

dem bären und dem vogel war es inzwischen egal.
sie spürten die kälte nicht mehr,
denn wenn du einen freund gefunden hast,
ist alles nicht mehr schlimm.
sie setzen sich neben die kirche,
und im auge des bären war so ein schönes licht,
an dem der vogel sich die flügel wärmen konnte.
jetzt hätte er wieder fliegen können
unter ein warmes dach über ihrem haus,
und die welt hatte keinen anfang und kein ende.

dann kamen die mütter und väter
mit ihren kindern aus der kirche.

„was ist denn dort mit dem bären?“, fragten die kinder.
„ist der echt, er bewegt sich ja gar nicht.“

die mütter und väter zogen die kinder an den händen weg,
es war schon spät, und es war kalt:

„na los, kommt schon.“

als das lied des vogels immer leiser wurde und der bär sah,
dass der vogel die augen schon zu hatte,
verbarg er ihn vorsichtig und warm zwischen seinen pfoten.
rührte sich nicht, um ihn nicht zu wecken.

aber auch dem bären fielen bald die augen zu.
und sie träumten von einem engel, der sie wegtrug.

am nächsten tag waren sie nicht mehr da.

(janosch, *1931)

 janosch: „katholisch geboren zu sein, ist der grösste unfall meines lebens“