blog 0125 - die bücherdiebin

25.12.2014 08:11

zwei wachmänner.
zwei totengräber.
der eine gibt befehle.
der andere tut, was man ihm sagt.
was, wenn der andere mehr als ein einzelner wäre?

 

die bücherdiebin“ ist die geschichte
einer jugend im dritten reich,
erzählt von einem unglaublich sympathischen tod,
mit prallen figuren, dramatisch,
tragisch und streckenweise komisch

liesel auf dem weg zu ihren neuen pflegeeltern
rosa und hans hubermann -

liesel wurde von ihrer mutter getrennt (kommunistin):  

als der zug im münchener hauptbahnhof einfuhr,
quollen die passagiere aus den wagen
wie aus einem aufgerissenen paket.
es waren menschen jeder grösse und statur;
die armen unter ihnen erkannte man am leichtesten.
sie bemühen sich, immer in bewegung zu bleiben,
als ob es helfen würde,
von einem ort zum anderen zu gehen.
sie ignorieren die tatsache,
dass am ende ihrer reise nur eine neue version
desselben alten problems auf sie wartet –
wie ein verwandter, den man nur widerwillig begrüsst.

bei liesels ankunft
waren die bissspuren des schnees auf ihren händen
und das frostige blut auf ihren fingern
noch deutlich sichtbar.
alles an ihr war unterernährt.
drahtdünne schienbeine.
arme, hager wie kleiderbügel.
sie zeigte es nicht oft,
aber wenn es herausbrach,
war auch ihr lächeln am verhungern.

man konnte mit fug und recht behaupten,
dass rosa hubermanns gesicht
permanent mit wut bekleidet war.
so waren die knitter und falten
in ihrer pappkartonhaut entstanden.

an manchen tagen schickte papa (hans hubermann)
liesel nach dem aufwachen zurück ins bett und sagte ihr,
sie solle einen moment warten.
dann ging er das akkordeon holen und spielte für sie.
liesel setzte sich in ihren kissen auf und summte,
die kalten zehen vor freudiger erregung gekrümmt.
noch nie zuvor hatte ihr jemand musik geschenkt.
sie grinste, bis ihr schwindelig wurde,
und betrachtete die linien,
die sich in seinem gesicht hinabzogen,
betrachtete das geschmolzene metall seiner augen –
bis aus der küche ein fluchen zu hören war:
„hör mit diesem krach auf, saukerl!“
papa spielte noch ein weilchen länger.
er zwinkerte dem mädchen zu,
und ungeschickt zwinkerte sie zurück.

während papa die seiten umblätterte,
spürte er liesels augen auf sich ruhen.
sie packten ihn, warteten auf etwas,
irgendetwas, das von seinen lippen fiel.
„hier.“ er veränderte erneut seine sitzposition
und reichte ihr das buch.
„schau dir diese seite an, und sag mir,
wie viele worte du lesen kannst.“
sie schaute – und log.
„ungefähr die hälfte.“
„lies mir etwas vor.“
aber das konnte sie natürlich nicht.
er liess sie auf die worte deuten,
die sie lesen konnte,
und verlangte von ihr, sie auszusprechen.
es waren nur drei – „der“, „die“ und „das“.
auf der ganzen seite standen insgesamt
etwa zweihundert worte.
das wird schwieriger, als ich dachte.
sie erwischte ihn dabei, wie er das dachte.

sie lasen bis zum frühen morgen,
unterstrichen die worte,
die sie nicht verstanden,
schrieben sie auf und blätterten die seiten um,
bis es dämmerte.
ein paar mal wäre papa fast eingeschlafen,
hätte beinahe der verlockenden müdigkeit in seinen augen
und dem welken in seinem kopf nachgegeben.
aber liesel erwischte ihn jedes mal dabei,
wobei sie weder die selbstlosigkeit bewies,
die ihm erlaubt hätte einzuschlafen,
noch die frechheit, empört zu sein.
sie war ein mädchen, das einen berg besteigen wollte.

„komm schon, liesel“, sagte er, als sie zögerte.
„was fängt mit einem ›s‹ an?
es ist so leicht – enttäusch mich nicht.“
ihr fiel nichts ein.
„na, komm schon!“ sein flüstern spielte mit ihr.
„denk an mama.“
da schlug ihr das wort mitten ins gesicht.
ein grinsen, ohne nachzudenken.
„saumensch!“, rief sie,
und papa brüllte vor lachen –
und hörte abrupt wieder auf.
„psst, wir müssen leise sein.“
dann fing er erneut an zu lachen,
schrieb das wort auf und fügte eine zeichnung hinzu.

hans hubermann zeichnete auch liesel.
„papa“, flüsterte liesel, „ich hab ja gar keine augen.“
er streichelte dem mädchen übers haar.
sie war ihm in die falle gegangen.
„mit einem lächeln wie dem deinen“, sagte er
„brauchst du keine augen.“
er umarmte sie und schaute dann wieder das bild an.
sein gesicht war aus warmem silber.

frage: „am weihnachtstag ein blog ohne tiere?“
antwort: „ja! aber nein, der hund...“

faust, der hund, von ihm gab es ebenfalls zeichnungen –
herrliche linien und kurven und ohren,
gesichter eines schäferhundes
mit einem geradezu obszönen sabberproblem
und der fähigkeit zu sprechen.

(auszüge aus werners lieblingsbuch)