blog 0137 - wegsehen

05.01.2015 11:27

um sein eigenes tier zu ernähren,
muss ein reptilienhalter andere tiere töten.
er setzt prioritäten.
die ernährung seines eigenen tieres
ist ihm wichtiger als der schutz des tieres,
das ihm zur nahrung dient.

nur indem er das leid des einen ausblendet,
kann er seiner schlange ein kaninchen
oder eine maus ins terrarium werfen.

die selektive gleichgültigkeit
ist voraussetzung vieler tierhaltungen.
gleichzeitig gilt die ethische forderung,
die gleichgültigkeit zu überwinden.
sie wird als „beginn des menschseins“ bewertet.

die forderung einer generellen überwindung
der gleichgültigkeit beschreibt ein kz-überlebender.
in den konzentrationslagern eilten die gefangenen
mithäftlingen in not nicht mehr zur hilfe;
nach all den ungeheuerlichkeiten,
die ihnen widerfuhren,
mussten sie ihre kräfte darauf bündeln,
ihr eigenes uberleben zu verteidigen.

viele erlebten ein wiederaufkeimen des mitgefühls
als wiederkehr der menschlichkeit.

heute: ohne not haben sich gleichgültigkeit
und herzenskälte anderen gegenüber
in der mitte der gesellschaft eingeinistet.

die gleichgültigkeit der mehrheit der bessergestellten
gilt menschen in prekären lebensverhältnissen,
obdachlosen, kranken, vor allem jedoch „nutztieren“.

sie bewirken nicht anteilnahme,
sondern wegsehen und gleichgültigkeit.

anders ist es nicht zu erklären,
dass menschen es hinnehmen,
dass milliarden von tieren systematisch
gequält werden - tag für tag.
aus dem einzigen grund,
menschen mit billigem fleisch, eiern,
wolle, leder zu versorgen.

all dies ist möglich, weil die menschen
sich der illusion hingeben,
es gäbe inseln des guten, der tierliebe,
der beachtung auch des schwachen.

um diese illusion zu nähren,
werden dramatische gesten
der tierliebe medial inszeniert.
tiere in not sind ein auslöser,
um gesten des mitgefühls auszulösen.
sie scheinen notwendig,
um das elend auszuhalten.

optimal ist, wenn der notfall dokumentiert
und publik gemacht wird.
eine welle der hilfsbereitschaft
erzeugt kurzfristig die illusion,
eine veränderung bewirken zu können,
dem mitgefühl endlich wieder den platz einzuräumen,
der für das gerechtigkeitsempfinden unabdingbar ist.

es scheint, als würde die rettung des tieres zugleich
die anteil nehmenden menschen symbolisch retten.

jede rettung, die medial inszeniert wird,
wird somit zugleich zur selbstrettung des zuschauers.

glück und genugtuung sind die folge,
wenn die allgemeinheit verfolgt,
wie im moor feststeckende pferde,
in not geratene katzen oder wildtiere
mit grossem aufwand gerettet werden.

die hilfsbereitschaft von menschen
überwindet kurzfristig die erfahrung
der kälte und gleichgültigkeit.
und des wegblickens.

(dr. hanna rheinz, *1950)

 (quelle: zwischen streichelzoo und schlachtof)

 siehe auch:

 www.dieratten.net/news/blog-0101-fleischmensch/

 www.dieratten.net/news/blog-0085-im-spiegelbild-die-fratze/

 www.dieratten.net/news/blog-0064-hof-und-zoo/