blog 0141 - nils

14.01.2015 08:10

ein warmes gefühl für die leiden der tiere
ist immer ein zeichen hoher zivilisation

(selma lagerlöf, 1858-1940)

nachdem selma lagerlöf gegen den willen ihres vaters
in stockhol ein schwedisches mädchengymnasium besucht hatte,
wurde sie grundschullehrerin, hängte  diesen beruf
jedoch nach einigen jahren für die schriftstellerei an den  nagel.

heute noch am meisten gelesen ist wohl
„die wunderbare reise des kleinen
nils holgersson mit den wildgänsen“,
geschrieben im auftrag des lehrerverbands:
nils, faul und boshaft, wird in einen däumling verwandelt,
reist mit den wildgänsen in den norden des landes
und kehrt geläutert zurück.

dabei entwirft lagerlöf ein anschauliches bild
von natur, geschichte und gegenwart schwedens um 1900.

mit ihrem werk setzte lagerlöf einen kontrapunkt
zum bis dahin in skandinavien dominierenden naturalismus,
indem das fantastische, das sagen- und märchenhafte,
verbunden mit einem bewussten willen zur stilisierung,
die möglichst präzise, naturwissenschaftlich
untermauerte wirklichkeitsdarstellung ablöst.

man ordnet es der neuromantik zu,
aber die eigentliche quelle der inspiration war die einfache,
mündliche erzähltradition, die sie in ihrer kindheit kennen lernte.

faszinierend bis heute ist ihr bewusstes festhalten
an einem vormodernen, ja mythischen weltbild:
immer sind der einzelne, seine mitmenschen, die gesamte natur
eingebunden in eine sinnerfüllte schöpfungsordnung,
einen kosmos, in dem jedes einzelne vorkommnis
bedeutungstragend und zugleich auch ethisch relevant ist.

handelnde sind nicht nur die menschen, sondern auch tiere,
trolle, geister, ruhelose seelen der verstorbenen und die unbelebte natur.

zufälle gibt es nicht, alles steht im dienst der vorbestimmten
und wiederherzustellenden ordnung, die am ende
der oft dramatischen handlung erreicht wird.

das drama der nobelpreisverleihung

der verleihung des nobelpreises ging eine zerreissprobe
im komitee und der schwedischen akademie voraus:
carl david af wirsén, mächtigstes mitglied der gremien,
der schon 1891 mit seiner ablehnenden rezension des »gösta berling«
zu lagerlöfs schwerem start in schweden beigetragen hatte,
widersetzte sich kategorisch.

ihr stil entsprach nicht seinem klassizistischen ideal,
und noch 1908, anlässlich ihres 50. geburtstags, riet er,
sie solle zunächst lernen, schwulst und künstelei zu vermeiden“

dass sie in diesem jahr den nobelpreis nicht erhielt,
rief in schweden einen sturm der entrüstung hervor.
1909 machten dann viele akademiemitglieder von vornherein klar,
dass sie wirséns widerstand ignorieren würden.

sie erhielt den literaturnobelpreis als erste frau und als erste schwedin
in würdigung des hohen idealismus, der lebendigen einbildungskraft
und der durchgeistigten darstellung, die sich in ihren werken offenbaren" -
und wirsén, durchaus konsequent, entzog sich seiner aufgabe,
die laudatio zu halten.

ihre menschenfreundliche gesinnung, ein grundzug ihres literarischen werks,
bewies sie immer wieder in grosszügigster weise.

sie verhalf der von deportation bedrohten jüdin nelly sachs (nobelpreis 1966),
mit der sie einen langen briefwechsel geführt hatte, zur flucht aus berlin.
als diese 1940 schweden erreichte, war selma lagerlöf gerade gestorben.

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