blog 0145 - bären dienst

20.01.2015 06:55

dem ethnologen jean-pierre digard zufolge stillen frauen welpen,
ferkel, pekaris, affen, rehkitze und lämmer.

die tiere werden zu spielgefährten für die kinder
oder dienen als müllschlucker
oder fusswärmer im kampf gegen die nächtliche kälte.

in frankreich saugten im 19. jahrhundert die welpen
an der mutterbrust der frauen,
um sie von einer überproduktion von milch zu befreien
oder im gegenteil den milchfluss zu erleichtern.

und auch in bestimmten religiösen praktiken
spielen tiere eine wichtige rolle,
wie etwa der gezähmte bär der ainus in hokkaido in japan.

worum geht es?

bei den ainus ist der bär der empfanger gottes.
sein geist ist der bote des göttlichen pantheons,
und wenn der bär getötet wird,
kehrt der geist in die höheren welten zurück,
von wo aus er diejenigen beschützt,
die ihn befreit haben.

aus diesem grund rauben die jäger
die ganz kleinen bärenjungen ihren müttern
und geben sie den frauen ihres dorfs zum stillen.

die bärenjungen wachsen mit den kindern der familie auf.
wenn der bär dreijährig ist, wird er im rahmen
eines jedes jahr im herbst gefeierten festes
in einer feierlichen prozession durch das dorf geführt.

am ende dieser zurschaustellung umringen
die dorfbewohner ihn und verletzen ihn mit pfeilen,
die ihn bis zur raserei wütend machen.

dann töten sie ihn, indem sie ihn zwischen zwei balken zerquetschen.
während der tötung tanzen die frauen rituelle tänze,
die männer und kinder weinen bitterlich.

schliesslich isst man sein fleisch und
seine eingeweide bei einem festessen,
das die ganze gemeinde versammelt.

die gleiche zeremonie findet auch bei den sibirern statt,
die den bär mit brei füttern, bevor er geopfert wird,
und die frauen stimmen im augenblick seiner tötung
einen trauergesang an.

(helene grimaud, *1969, pianistin, autorin wolfssonate)

  

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