blog 0175 - baby

11.03.2015 06:51

blind wurde die kleine katze vor fünf wochen geboren.

mit erstaunten augen und laut brüllend
erschien vor ebenso vielen monaten das baby.

jetzt liegen sie nebeneinander auf einem rissigen holztisch
in der pressenden hitze der julisonne.

die runde, wärmesichere katze ist durchaus in der welt zuhause,
in die das missvergnügte, peinlich glatte menschlein sich ausgesetzt fühlt.
es ist noch gar nicht imstande, die exilgenossin zu besehen,
geschweige denn zu greifen.

die aber, nach ein paar knickerigen kriechschritten, macht halt,
der unsympathische geruch und die hastigen bewegungen
dieses nackten dinges da warnen vor näherer bekanntschaft.

mit vor entrüstung wild zitternden beinchen macht sie kehrt.

da wirft in einer plötzlichen aufwallung das sonnengekitzelte baby
arme und beine um sich und kreischt los
in der gleichen schwindelhaften ekstase,
mit der es dreissig jahre später gott, krieg, gerechtigkeit predigen
oder partnern ein zweifelhaftes geschäft einreden wird.

die vernünftige kleine katze zuckt zusammen,
schliesst nervös die augen, ganz und gar unverständlich
ist ihr der blödsinn eines geschöpfs, das die natürliche,
verwandte wärme für einen grund zu derartiger aufregung hält.

mit solchen hysterikern also wird man sich herumschlagen müssen,
gut kann das werden.

aber das weissliche junge eines geschlechts von pessimisten,
offenbar in die welt gekommen mit der erwartung zu frieren,
hält die sonne für einen würdigen anlass, zum ersten male
den dieser tierart einzig eigentümlichen ausdruck zu produzieren:
das pathos.

tief beseligt steht die mutter dabei
und ohne sich vor der kleinen katze zu schämen.

(axel eggebrecht, 1899-1991)

aus dem buch: katzen
stuffer, berlin 1927
vom autor rev. neuausgabe, arche, zürich 1967

siehe auch:
www.dieratten.net/news/blog-0169-suche-nach-extremen/