blog 0194 - die endung des kreuzbeins

28.03.2015 05:37

der tag mag kommen,
an dem der rest der belebten schöpfung
jene rechte einfordert,
die ihm nur von der hand
der tyrannei vorenthalten werden konnten.

die franzosen haben bereits entdeckt,
dass die schwärze der haut kein grund ist,
ein menschliches wesen hilflos der hand
seines peinigers auszuliefern.

es mag der tag kommen,
an dem erkannt wird,
dass die anzahl der beine,
die behaarung der haut
oder die endung des kreuzbeins
gleichermassen ungeeignete gründe dafür sind,
ein empfindendes wesen
diesem schicksal zu übereignen.

was sonst sollte die unüberwindliche grenze ausmachen?

ist es die fähigkeit des verstandes
oder die fähigkeit der rede?

aber ein ausgewachsenes pferd
oder ein ausgewachsener hund
ist unvergleichlich verständiger
und mitteilsamer als ein kind
von einem tag oder einer woche
oder selbst einem monat.

aber angenommen, sie wären es nicht,
was würde es ausmachen?

die frage ist nicht:
können sie verständig denken?
noch: können sie sprechen?

sondern: können sie leiden?

darüber aber gibt es wohl keinen streit,
und das wissen um diese leidensfähigkeit
muss daher die hauptsache sein
bei jeder betrachtung der tierseele.

(jeremy bentham, 1748-1832) 


de.wikipedia.org/wiki/Jeremy_Bentham

jermey bentham war ein englischer jurist, philosoph und sozialreformer.
bentham gilt als begründer des klassischen utilitarismus.
er war einer der wichtigsten sozialreformer englands im 19. jahrhundert
und ein vordenker des modernen wohlfahrtsstaats.

seiner zeit weit voraus forderte er
einführung von tierrechten,
allgemeine wahlen,
frauenstimmrecht,

abschaffung der todesstrafe,
legalisierung der homosexualität,
pressefreiheit.

er gilt als vordenker des feminismus,
als vorkämpfer der demokratie,
des liberalismus und des rechtsstaats.

bentham ist aber auch bekannt für seine scharfe kritik
an der französischen menschenrechtserklärung.
auch lieferte er argumente für einen legitimen einsatz der folter.

bentham brachte mit dem utilitarismus zum ausdruck,
dass es für ihn nur zwei anthropologische grundkonstanten gebe:
das streben nach lust (pleasure)
und das vermeiden von schmerz (pain).

es sei die natur, die den menschen
in leid und freude den weg weise.

bentham sah in leid und freude
die entscheidenden motive menschlichen handelns.

ein mensch strebe, so bentham, immer ein objekt an,
von dem er erwarte, dass es freude bereite.

da der utilitarismus eine vergrösserung
des gemeinwohls propagiert,
handelt es sich um eine altruistische
und universalistische moraltheorie.

der utilitaristische ansatz wurde vor allem entwickelt
durch jeremy bentham und john stuart mill (1806–1873)
und beeinflusste viele andere philosophen.

zusammenfassung utilitarismus:

- alles handeln wird geprägt vom streben nach lust (hedonistisch*)

- moralisches handeln ist abhängig von den folgen bzw. konsequenzen

- nützlich (benefit) ist handeln dann, wenn es dazu beiträgt,
  gewinn, vorteil, freude, gutes oder glück herzubringen 

 

*hedonismus wird auch abwertend gebraucht
als streben des menschen einzig nach lust und freude.