blog 0197 - unter einer katze leben

01.04.2015 06:47

wenn sich mehrere dinge gleichzeitig in unserem haus abspielten,
wusste sie nicht mehr, wo ihr der kopf stand.

sie wollte überall sein, in der küche, an der haustür,
um den besuch in empfang zu nehmen,
auf den schreibtischen der kinder,
zwecks hausaufgabenüberwachung …

die meisten haustiere unterhalten zwar
eine enge bindung an ihre familie,
aber sie begnügen sich mit ihrer katzen- oder hunderolle.

nicht so missoui.
was wir auch taten,
was wir auch hatten,
immer war es das bessere.
genau das wollte sie auch,
und sie forderte es nachdrücklich ein.

so lag ihr zum beispiel ihr platz an unserem esstisch,
den sie während der mahlzeiten einnahm,
ausserordentlich am herzen.

er stand ihr zu, er war ihr absolutes recht,
so jedenfalls sah sie es und sie machte uns
ihren standpunkt über die jahre hartnäckig klar.

anfangs machte ich noch erziehungsversuche und verjagte sie.
aber nein! warum sollten wir da oben sein und sie da unten?
sie gehörte nicht auf den boden!
fauchend sprang sie wieder zurück,
schlängelte sich zwischen den tellern hindurch,
versteckte sich hinter der blumenvase,
rannte um sie herum,
und wenn es mir gelungen war,
sie wieder hinunterzujagen,
war sie gleich wieder oben,
zehnmal, zwanzigmal,
die augen voller empörung,
sie konnte gar nicht fassen,
dass man ihr diesen tort antat.

es liess sich einfach nichts machen,
obwohl es auf die dauer alles andere als lustig war …

dann fiel mir auf, dass sie nicht ans essen ging,
wenn man es verbot, und es oft nicht einmal versuchte,
weil sie ja geradewegs vom eigenen futternapf kam.

sie wollte sich einfach dorthin setzen,
wie ein patriarch am kopfende der tafel thronen
und ihre ganze sippe betrachten.

eine zeit lang überliessen wir ihr das kinderhochstühlchen,
dann sass sie stolz auf ihrem platz,
die weisse brust von genugtuung geschwellt,
schien auf unser gespräch zu lauschen
und verfolgte die mahlzeit von anfang bis ende.

irgendwann setzte sie sich direkt auf das kopfende des tischs,
auf ihren inzwischen wegen guter führung wirklich verdienten platz.

ich habe tatsächlich einige jahre gebraucht,
um ihr problem zu verstehen:
missoui hätte ein mensch sein wollen.
oder aber sie betrachtete sich als solchen.

daraus folgte - wenn nicht das gegenteil -,
dass sie für die welt der tiere,
insbesondere der katzen, verloren war.

ihre beziehungen zu ihren artgenossen waren katastrophal,
und sämtliche katzen auf der durchreise
durch unseren garten auf dem lande
gaben sich auch alle mühe,
ihre einstellung zu unterstützen ....

(anny duperey, *1947)


das glück, von einer katze gefunden zu werden

anny duperey ist eine französische schauspielerin und autorin.

de.wikipedia.org/wiki/Anny_Duperey

....dann entsteht daraus ein so faszinierendes und berührendes buch,
wie obiges, das einfach unter die haut geht.

anny duperey beschreibt in einer so wunderschönen
und einfühlsamen sprache ihre erlebnisse mit ihren schicksalskatzen,
dass es einem absolut unmöglich ist,
nicht mitzufühlen und wahrzunehmen,
wie unglaublich tief ihre beziehung zueinander ist.

mit ihrer einfachen und geraden herzenssprache
ist die autorin für mich geradezu eine ausnahmeerscheinung,
die einen ohne schnörkel und umschweife
immer wieder mitten im innersten heiligtum trifft;
dort wo wir unsere geliebten
aber auch schmerzenden gefühle aufbewahren.

an ihren freud- und leidvollen lebensstationen teilzuhaben
in so vertrauter und naher begleitung
von ihren katzenseelengefährten
war für mich ein wunderbares geschenk!

ein ganz warmes und leises buch in unserer so lauten zeit,
das ich jedem leser ans herz lege,
egal ob tierfreund oder nicht.

(joker)