blog 0209 - kuhäugige göttin

20.04.2015 07:18

warum ich meine brüder nicht esse?
einfach aus familiensinn, das ist alles.
irgendwo muss scham beginnen.

es stört uns gar nicht, wenn wir uns kultivieren
und die nächsten verwandten von uns,
die doch die säugetiere sind, auffressen.

ja, mehr noch, wir locken sie in gehege, in gulags,
und schneiden ihnen zu hohen christlichen feiertagen
die kehlen durch und singen dazu „o du selige“.

tiere fühlen mehr als wir.

sie wissen nicht mehr, aber sie fühlen mehr.

und wenn sie also ein geschöpf lieben,
dann erzählt es ihnen,
ohne dass es den mund aufmacht und ein wort spricht,
alles über sich.
sie müssen nur seine sprache lernen.

wie gehen sie mit tieren um?

ich suche ihre freundschaft und versuche,
von ihnen zu lernen,
weil sie höhere geschöpfe sind.

ich glaube, sie sind,
statt rache zu nehmen an uns,
heilig geworden.

sonst könnte es gar nicht sein,
dass sie uns diesen gulag-tod,
den wir ihnen bereiten,
jeden tag zu millionen,
nicht übel nehmen,
sondern uns anschauen mit augen,
die der homer nennt: „die kuhäugige göttin“.

wenn sie einer kuh in die augen schauen,
schauen sie in den tiefsten see,
den man sich vorstellen kann.

sie sind ein aufschrei für uns,
dass wir menschen werden.

(o. w. fischer, 1915-2004)

otto wilhelm fischer, österreichischer schauspieler, professor für philosophie

2004 verstarb der vermehrt an depressionen leidende o. w. fischer
88jährig an einem herzversagen in einer klinik in lugano,
in die er sich tage zuvor selbst eingeliefert hatte.
der hauptanteil seines auf 12 millionen euro geschätzten nachlasses
soll laut testament dem tierschutz zugute kommen.

„in der schauspielerei habe ich noch nie den sinn meines lebens empfunden.
es war schon immer der bereich der philosophie,
der mich hauptsächlich interessierte.

die schauspielkunst ist entweder die erste aller künste oder die letzte.

entdeckt habe ich in ihr die verwandlung,
die in wirklichkeit ihre wahre bedeutung ist.
ich bin im film nie derselbe geblieben.
ich schäme mich, immer wieder o. w. fischer zu sein.
das schien mir anmassend, dem beruf nicht gerecht werdend,
dieser beruf ist wie das leben stets verwandlung.“

 

der spiegel, 1957 über o. w. fischer (41):

dr. harald braun versucht fischers publikumserfolg so zu erklären:
„wir haben in deutschland diesen typ nie gehabt.
bei uns gab es immer nur die netten, braven, wie den fritsch.
mit der zunahme der saturiertheit hat das publikum mehr gefühl
für den homme fatal bekommen,
und fischer ist ein mann mit ungewöhnlicher intellektueller nervosität.“

einer der produzenten sagte: „der otto lebt in einem elfenbeinturm,
und es besteht die gefahr, dass er trotz seiner schauspielerischen qualitäten
auf einmal ganz uninteressant wird. er ist eigentlich ein einsamer.
seine problematik, seine grösse und seine tragik liegen darin,
dass er im grunde nur einen einzigen menschen liebt:
das ist er selbst, ein geborener narziss.“

pressechef kaesbach von der bavaria:
„nie hat er irgendwie seine publicity gefördert.
der fischer war immer nur ungeheuer von sich selbst überzeugt,
und so hat er schliesslich die leute überzeugt.
man hat mich vor ihm gewarnt;
aber die zusammenarbeit war ein vergnügen:
niemals ein lautes wort, niemals gekränkte eitelkeit.
er ist ausgesprochen kollegial, er hilft, wo er nur helfen kann“.

wie vielen millionären aus eigener disziplin fällt es auch fischer schwer,
zu begreifen, warum es in der welt nicht so edel zugeht
wie bei ihm zu haus im „katzenschlössl“.

fischers tierliebe ist weit davon entfernt,
eine propaganda-marotte zu sein.
„mit seiner tierliebe kompensiert er vieles“, meint ein produzent,
und in seinen tonband-reden schildert fischer eine katzenliebe;
die ihm aus einer krise half: „sie hat mir glück gebracht,
oder war es die selbstlosigkeit, das einem-anderen-helfen,
das sich-selbst-zurückstellen, das die wandlung gebracht hat?
jedenfalls werden wir jetzt zusammenbleiben, bis der tod uns trennt,
meine kleine schwarzweisse katze und ich. - heute ist sie erwachsen.
der vater ihrer kinder war ein grosser, hübscher tigerkater -
aber eifersucht gibt's bei uns keine! nur liebe!“

fischers liebe zu tieren ist nicht nur gefühlig, sondern auch tätig:
er und seine frau geben jährlich tausende für den tierschutz aus.