blog 0235 - wie grausam sind katzen?

13.01.2018 11:51

spiel ist älter als kultur.

die tiere haben nicht auf den menschen gewartet,
dass er sie das spielen lehre. ja, man kann ruhig sagen,
dass menschliche gesittung dem begriff des spiels
kein wesentliches kennzeichen hinzugefügt hat.
alle grundelemente sind schon da bei den tieren.
sie laden einander ein, durch eine art zeremonieller haltungen und gebärden.
sie stellen sich dabei fürchterlich böse, beachten indessen gewisse regeln,
und an all dem haben sie offensichtlich ungeheuer viel spass.

gesteigerte spielarten beherrscht sicherlich
keines unserer tiere vollkommener als die katze.
man darf sie ein genie des spiels nennen. alles an ihr ist spiel.
sie lebt, sie lernt und lehrt ihre kleinen spielend.
selbst wenn's um die nahrung geht, spielt sie.
so erklärt sich letztlich die vielberufene mäusequälerei,
über die wir uns oft entrüsten.

aber grausam kann nur der sein, wer es bewusst ist,
wer eine hemmung davor überwinden muss.

die katze kann nicht grausam sein.
mit naiver kameradschaft betreibt sie alles:
jagd und training und pädagogik, am toten wie am lebenden objekt.

wir aber wissen, was wir tun. uns sind keine krallen gewachsen.
doch mit ruhigem gewissen haben wir daumenschrauben
und eiserne jungfrauen erfunden und jene strickpeitschen,
welche der witz jovialer alter kapitäne neunschwänzige katzen taufte.
nur um sich zu zerstreuen, spannte der infant don philipp lebendige katzen
an allen vieren auf, hübsch nach der stimmhöhe geordnet,
die schwänze in drahthaken gepresst; erging der müde prinz sich
auf dieser erstaunlichen tastatur, dann erfreuten ihn die kreischenden akkorde.

es sind dieselben schlimmen lüste,
die durch unsere erziehung teils eingedämmt und teils geschärft werden.
die angeborene grausamkeit des kindes ist inzwischen bekanntgeworden
und wird ziemlich allgemein eingestanden.

nur wissen wir erwachsenen nicht recht, ob wir uns dieser anlage
schämen oder stolz darauf sein sollen.


[axel eggebrecht, 1899-1991]

aus dem buch: katzen
stuffer, berlin 1927
vom autor rev. neuausgabe, arche, zürich 1967


siehe auch:

www.dieratten.net/news/blog-0175-baby/

www.dieratten.net/news/blog-0169-suche-nach-extremen/

www.dieratten-net.webnode.at/news/blog-0182-das-einzige-raubtier/