blog 099 - mit leid

29.11.2014 07:54

warum gibt es mir einen ruck im herzen,
wenn ich in unseren geräuschvollen strassen
einem verlaufenen hund begegne?

wenn ich das tier hin und her laufen,
jedermann beschnuppern sehe,
augenscheinlich trostlos,
weil es seinen herrn nicht wiederfinden kann:
warum verursacht mir dies ein solches mitleid,
eine solche herzbeklemmung,
dass mir die freude
an meinem spaziergang verdorben wird?

warum verlässt mich die betrübende erinnerung
an den verlaufenen hund bis zum abend,
bis zum nächsten tag nicht mehr?

warum kehrt sie in einer aufwallung
brüderlichen mitgefühls wieder,
in der sorge zu wissen,
was das tier macht, wo es ist,
ob man es aufgenommen hat,
ob es sein essen hat,
ob es nicht hinter einem eckstein
fröstelnd zuflucht gesucht?

warum habe ich in meinem gedächtnisse
die tieftraurige,
von zeit zu zeit auflebende erinnerung
an herrenlose hunde bewahrt,
die ich vor zehn, vor zwanzig jahren getroffen?

gleichsam das leiden des armen tieres selbst,
das nicht reden kann
und sich in unseren grossen städten
nicht durch seine arbeit ernähren kann?

warum versetzt das leiden eines tieres
mich in eine solche bestürzung?

warum kann ich den gedanken nicht ertragen,
dass ein tier leidet,
so dass ich des nachts,
im winter aufstehe,
um mich zu überzeugen,
ob meine katze
auch ihre schale wasser hat?

warum sind alle tiere der schöpfung
meine kleinen anverwandten?

warum erfüllt mich der blosse gedanke an sie
mit erbarmen, duldsamkeit und liebe?

warum zähle ich alle tiere zu meiner familie,
gerade so wie die menschen? 

(emile zola, 1840-1902)

www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/ZolaEmile

zola gilt als einer der grossen französischen romanciers.
zugleich war er ein sehr aktiver journalist,
der sich auf einer gemässigt linken position
am politischen leben beteiligte.

die liberalisierung der presse im jahr 1868
ermöglichte es ihm,

seine polemischen talente
durch das schreiben von feinen
antikaiserlichen satiren auszuleben.

zola verfolgte den sturz
des zweiten kaiserreiches mit ironie.
er lehnte gewaltsame unterdrückung ab,
wodurch er sich vom geist
der pariser kommune unterschied.
er beliess es dabei,
sie in seinen schriften moderat zu behandeln.
zola war kein mann der intrige oder von netzwerken.

zola hielt zur politik den abstand,
der ihm die einmischung mit zurückhaltung,
distanz und abgeklärtheit ermöglichte.

er engagierte sich für soziale, künstlerische
oder literarische ziele, die ihm gerecht erschienen,
und blieb dabei beobachter der personen
und ereignisse seiner zeit.
er handelte als freidenker und unabhängiger moralist.

romane wie „der totschläger“, „nana“ und „germinal“,
wurden bald nach ihrem erscheinen
zu erfolgreichen theaterstücken verarbeitet.

das werk zolas gilt als fundgrube für sozialhistoriker.

die dreyfus-affäre

1898 setzte sich zola mit einem offenen brief
an den staatspräsidenten für den als
prodeutschen verräter verurteilten
hauptmann alfred dreyfus ein,
den ersten juden des generalstabes.

dieser brief mit dem titel „ich klage an“
entfachte einen ungeahnten innenpolitischen sturm,
der frankreich in ein progressives linkes lager
und ein konservatives rechtes spaltete,
das zugleich militant-nationalistisch und antisemitisch war.

zola selbst wurde noch 1898 vom kriegsminister
sowie von einigen privatpersonen verklagt
und in politischen prozessen wegen diffamierung
zu einer geld- und gefängnisstrafe verurteilt.
er entzog sich der strafe durch flucht nach london.